|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Ivan Hristov - "Bdin" |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Angela Rodel Emanuil A. Vidinski Ivan Hristov Petar Tchouhov |
Bdin
*
Liebe Mama,
* Bdin: alter Name der an der Donau
gelegenen Stadt Vidin im Nordwesten Bulgariens
Einst am Fluss allein
Fahre fort zu träumen,
Lieber Papa,
Der Fluss Er fließt und reißt unsere Wände, Dämme, Brücken und Staumauern mit sich. Der Fluss. Er zerstört und ruiniert unsere Gebäude, Kirchen, Büsten und Postamente. Der Fluss. Er schleppt und löscht unsere Familienporträts, Stammbäume, privaten Reliquien aus. Der Fluss. Er öffnet und erweckt Pantheone, Museen, Mausoleen und Grüfte zum Leben, aber unsere lebendigen Körper sperrt er in schwüle Kajüten. Und unsere Schiffe sinken, und wir schreien, aber unsere Kehlen füllen sich mit Wasser und es verstummt am Grunde unsere S t i m m e... Oh, d e r F l u s s! Er ist so unbeständig, luftig und leicht, wie stark jedoch schmerzt es, wenn er tötet. Und wir haben keine Chance, denn er ist alles für uns, unser T o d und unser Glück, unsere E w i g k e it
Wir müssen an gute Dinge, an gute und schöne Dinge denken. Manchmal komme ich der Zeit zuvor. Manchmal höre ich eine Stimme: "Warte, lass dir Zeit, Ivan, wenn die Fließgeschwindigkeit die menschlichen Dimensionen übersteigt, ist sie gleich Null." Wahrscheinlich neigen jene, die Stress durchgemacht haben, zu schlechten Gedanken. Ich weiß nicht, wie die Historiker die Zeit messen, aber ich weiß, wie man innerhalb einer Sekunde um zwanzig Jahre altert. "Warte, lass dir Zeit, Ivan..." Wir müssen an gute Dinge denken, und ich weiß, dass uns diese passieren werden
Die Müllhalde in Bdin von Nord nach Süd,
Ich liebe es, spazieren zu gehen und frische Luft zu atmen, am frühen Abend, im Park, inmitten von Pensionisten, Verliebten und Drogensüchtigen, inmitten von jenen, die keine Zukunft haben
Manchmal bleibe ich am frühen Abend auf der Brücke stehen und dein Antlitz erscheint mir riesig riesig wie der Fluss selbst
Manchmal treffe ich auch andere Dichter, doch jeder lebt in seiner eigenen Zeit, so dass wir nicht Kontakt aufnehmen können. Einmal traf ich einen Dichter und wollte ihm erzählen, wie ich während der R e n a i s s a n c e oder auch während der W i e d e r g e b u r t leben würde... Ich wollte ihm von der Ähnlichkeit des weiblichen Körpers und der Coca-Cola-Flasche erzählen, davon, wie mir eines Nachts träumte, dass eine der Karyatiden der Akropolis sich löste und zu mir kam. Als ich erwachte, hatte ich eine Cola-Flasche umarmt. Er aber sagte, dass er im M i t t e l a l t e r lebe und dass für ihn die Frau eine Ausgeburt der Hölle sei, und damit war unser Gespräch beendet * Wiedergeburt: Damit wird die Zeit zwischen der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1878 bezeichnet; der Sieg Russlands 1878 im Russisch-Türkischen Krieg (1877/78) hatte für Bulgarien die Befreiung von der osmanischen Herrschaft zur Folge..
Ich stand auf dem Balkon,
Unter seinem Regenmantel erkennt er Sommer Herbst Winter nicht an er verkauft Bücher auf seinem Schiff allein mitten in einem Ozean aus Menschen, doch sein Schiff – eine Schreibmaschine – heißt selbstverständlich "Čechov" Ich weiß nicht ist er ein alter Hippie oder ein Hüter von Kirschgärten Aber heute sah ich dass Čechov selbst ihm zuzwinkerte und ihn fragte ob er ein Buch von Tuškov habe
chru chru chru chry chry chry chra chra chra chre chre chre chri chri chri chri chri chri chre chre chre chra chra chra chry chry chry chru chru chru
tdiese heiligkeit
diese heiligkeit
diese heiligkeit
ergießt sich so
und ist so sehr rein und hell
diese heiligkeit
diese heiligkeit
diese heiligkeit
ergießt sich so
und ist so sehr durchsichtig-kalt
(wie ein hauch auf einer glasscheibe)
diese heiligkeit
diese heiligkeit
diese heiligkeit
tötet mich so
und ist so sehr lautlos und lautlos
und lautlos
"...ein Traum war, ein Traum war der stille Hof,
ein Traum waren die weißfarbnen Weichseln!"
Erinnerst du dich, erinnerst du dich...
Das Schreiben ist eine gute Medizin
gegen die Einsamkeit.
Du sprichst in das Dunkle,
als warte jemand auf dich.
Erinnerst du dich...
An jenem Abend
war es quälend...
Eine sehr lange und stumme Zeit
tropft
Tropfen
um Tropfen
in den Kanal
Es war Regen oder Schnee
es war ein Hauch
an den Scheiben
Ich hörte
damals lange
Albinoni,
quälend lange,
und da ich später begriff,
dass die Biologie stärker
als der Sinn ist,
stopfte ich mich mit Antibiotika voll.
Mir scheint,
dass ich schon tot bin,
aber ich erwachte...
Der Übergang ins Jenseits
ist so leicht –
eine Frage eines Lichtwinkels
klicks und
meine Mutter mit blutig geschlagenen Lippen –
mein Vater
klicks
mein Vater erschlägt meine Schwester
klicks
jetzt bin ich an der Reihe
klicks
mein Vater – der Infarkt
Der Übergang ins Jenseits
ist so leicht
Manchmal denke ich –
wofür war
dies alles?
Erinnerst du dich?...
Das Motto "... ein Traum,..." ist ein Zitat aus Dimčo Debeljanovs Gedicht Erinnerst du dich, erinnerst du dich
an den stillen Hof. Debeljanov (1887-1916) zählt zu den symbolistischen Dichtern und verfasste elegische Lyrik.
Das ewge Wasser schläft, das ufer-, bodenlose Wasser, es unsre schlaflos' Lider wird bezwingen, wird küssen uns die nun verstummten Lippen. Das ewge Wasser schläft, das boden-, uferlose Wasser, die müden Stirnen wird's umpeitschen, es wird die bebend' Körper kosen sanft. Das ur-ewige Wasser, all-ewges- kristallnes Wasser, so wie den Stein es schmelzen lässt – in Dampf verwandelt es da dessen Engel P. K. Javorov: Pejo Kračolov Javorov (1878-1914), Lyriker und Dramatiker, der anfangs in seinen Gedichten soziale und revolutionäre Themen aufgriff und sich später unter dem Einfluss französischer Dichter dem Symbolismus zuwandte. Er gilt gemeinsam mit Penčo Slavejkov (s. Anm. zu Bdin - Die Bibliothek) als Begründer der modernen bulgarischen Lyrik. 1913 versuchte er sich nach dem Suizid seiner Frau zu erschießen. Dieser Versuch misslang jedoch und hatte zur Folge, dass Javorov erblindete. 1914 verübte er Selbstmord, indem er zuerst Gift nahm und sich daraufhin erschoss. Das vorliegende Gedicht ist an Javorovs Gedicht Nirvana angelehnt.
Liebste, ich schreibe dir aus einer Stadt, von der ich dir nicht wünsche, dass du sie besuchst. Die Nacht hier ist karmin-schwarz. Wenn du jemanden berührst, verwandelt er sich sogleich in Staub. Übrigens entsinne ich mich nicht, dass es Tag geworden ist. Ich spaziere häufig durch die dreckigen Straßen, stumm und einsam, mein Herz aber schreit in den kalten Herbst: Luft! Mehr Luft! Eigentlich ist dies eine Stadt für Verbannte. Sonst erweist sich die beständige Unveränderlichkeit als mein beständiges Merkmal. Der Arzt sagte: "Ich weiß nicht genau, was für einen Menschen besser ist: sich in einem trüben Fluss zu ertränken oder sich vom Balkon zu stürzen." Noch immer bin ich unheilbar krank und fahre damit fort, nachts Stimmen zu hören. Heute hörte ich, während ich rauchte, die Stimme einer anmutigen Dichterin (sprich: einer klassischen Vase): "Das hilft mir nicht weiter" "Das hilft mir nicht weiter" Aber, Fräulein, würden Sie es wünschen, meine Musik zu hören... "Dieser Chopin ist so intim, seine Seele muss auferstehen, nur für Freunde" Das Licht geht durch mich hindurch wie durch ein Kristallglas. Ich putzte die Fenster, schenkte auch den Tee ein... Ich stehe hier und warte auf dich, nutzlos, erfüllt von Schweigen... Ich würde gerne die Seele Chopins auferstehen lassen, nur für dich... Das hilft mir nicht weiter Das hilft mir nicht weiter
Alles erhält später einen Sinn Später erhalten die Worte die Begegnungen die Gesichter einen Sinn Doch wenn ein Mensch in den Himmel erhoben wird sieht er seine ihm Nahestehenden und er lächelt und da erhält alles einen Sinn später erhält alles einen Sinn
1
Wodurch kommt die Bananenrepublik zum Ausdruck? Die Bananen stehen hoch, und die Affen – niedrig! Die Affen stehen und warten. Eine Banane löst sich und fällt! Eine andere hingegen fällt nicht! Und all dies bei Minustemperaturen
Leb wohl, mein Freund!
Auf dich wartet ein Kampf –
um die Wohnung,
in der du als Mieter
leben wirst,
um die Frau,
die dauernd untreu ist,
um die Zukunft,
die auf uns vergessen hat.
Ich bleibe.
Der Fluss
mündet ins Meer,
das Meer
mündet in den Ozean,
die Pfützen
werden trüb und trocknen aus.
Die Köpfe hängen schwer durch Nachlässigkeit,
der Mund verwandelt sich in eine Grube,
einen bitteren Beigeschmack erhalten die Worte.
Unser Leben fließt dahin
wie eine sinnlose Orgie.
Dein Schiff wartet auf dich!
Leb wohl,
bis zum anderen Ufer
"Wohin gehen wir, Jungs?"
"Auf den Gipfel, Johnny!"
"Und wo ist der, Jungs?"
"Vom höchsten Punkt – noch ein bisschen drüber."
(Bdiner Volkslied)
Jeden Tag,
wenn ich im Stadtviertel für Hoffnungslose,
das nicht zufällig "Hoffnung" heißt,
aus der Straßenbahn aussteige,
treffe ich John Lennon:
Guten Tag, Johnny!
Guten Tag, Sir!
Wie geht es dir, Johnny?
Danke, gut, Sir!
Immer mit diesem bleichen, englischen Gesicht,
immer mit dieser Brille und diesen Haaren –
John Lennon lebt im Stadtviertel "Hoffnung"
und verkauft Fahrräder.
Jeden Tag:
Guten Tag, Johnny!
Guten Tag, Sir!
Wie geht es dir, Johnny?
Danke, gut, Sir!
Ja, John,
hier besteht keine Gefahr,
dass irgendein Verrückter einfällt
und schießt
Du spazierst jetzt wahrscheinlich, die Hände in den Taschen, durch jene Stadt, größer als unser ganzer Staat, und irgendwo inmitten des Getöses von Metros und Liften, inmitten des Glanzes von Schaufenstern und Werbung verstummt unsere Musik... Wahrscheinlich bist auch du einsam, so wie früher, wahrscheinlich bist auch du ein Fremder in deinem eigenen Land... Merkwürdig, wie ein Walkman ein Loch im Raum sein kann, und je größer die Entfernung, desto bedeutungsloser ist dies. Wir beide lebten anonym, lauschten unseren eigenen Stimmen, betrachteten unsere eigenen Gesichter... Ich stehe jetzt im großen, weißen Zimmer, stumm und einsam, erfüllt von Schweigen und schreibe dir, obwohl du längst schon dies alles weißt: Vergebens blinkt über uns, mein Freund, die riesige Axt der Zeit.
Heute, am 18. März, war ein sonniger Frühlingstag. Heute brachte niemand jemanden um, beleidigte niemand jemanden. Ich betrat die Kirche, um ein wenig zu beten, und hörte die Stimmen aller Toten. Es begann aus den Augen Gottes zu regnen
1.
Lieber Papa, wahrscheinlich schaust du von oben zu und siehst, wie ich mich lächerlich machte vor den Dummköpfen, wie sie mich in einem Käfig mit der Aufschrift "Frei" auf den Marktplätzen vorführen, wie ich eifrig lerne, goldene Münzen für gelbe Stotinki zu verkaufen... Jetzt fahre ich in der Straßenbahn, die kalt ist wie eine Gruft, und ich fühle mich, als hätte ich soeben irgendein Krankenhaus verlassen... Sei nicht traurig, ich wollte dir nur dies sagen.
Liebste, ich bezahlte mit Leber und Milz für das Gefühl von Freiheit. "Dummkopf!" würden die Klugen sagen. "Dummkopf!" würden die Weisen sagen. Liebste, ich bezahlte mit Leber und Milz für das Gefühl von Liebe. "Dummkopf!" würden die Klugen sagen. "Dummkopf!" würden die Weisen sagen. Aber dieses Gefühl ist es wert... Aber dieses Gefühl ist es wert
Schlammige Landschaft Schnee Weichselblüte Schnee Weichselblüte Schnee Das Todesstreben der Selbstzerstörungstrieb Wahrscheinlich müssen auch wir das umbringen, was wir waren, um das entstehen zu lassen, was wir nicht sind... Wahrscheinlich ist das gegenseitige Unverständnis ein Anlass für "die Revolution"... Werde fort jetzt gehen. Hinter mir bleiben grau gewordene Gesichter von Gebäuden und Menschen mit grau gewordenen Fassaden zurück. Irgendwo dort, inmitten der asiatischen groben Hände verstummt das arme, zarte Herz von Beca — einer ehemaligen Geschichte-Studentin. Und da ist auch der Fluss. Von dort dringen die Stimmen unverstandener Dichter: Von jenem, dem man ins Herz geschossen hatte, von jenem, der das tödliche Gift ausgetrunken hatte, von jenem, der, obwohl einäugig, dennoch erdrosselt wurde... "Onanisten!!!" wird das Fräulein links sagen. "Nein! Kommunisten!!!" wird der Herr rechts sagen. Werde fort jetzt gehen von hier! Wohl, lebt wohl!!! Blubb blubb!!! Blubb blubb!!! Blubb blubb Beca: Figur aus dem Gedicht Dokumentarische Erzählung über die Wojwodin Beca, wie sie einen schwarzen Mohren im Zweikampf besiegte, sowohl zu Ehren der 1300 als auch zur Harmoniumbegleitung von Konstantin Pavlov (geb. 1933). dem man ins Herz geschossen hatte: Damit ist Christo Botev gemeint. (s. Anm. zu Bdin) der das tödliche Gift ausgetrunken hatte: Darunter ist Pejo Javorov zu verstehen. (s. Anm zu Bdin X) obwohl einäugig, dennoch erdrosselt wurde: Es handelt sich dabei um den expressionistischen Dichter Geo Milev (1895-1925), der im 1. Weltkrieg ein Auge verlor. 1925 wurde er wegen seines Poems September zu einer Haftstrafe verurteilt, gleich darauf verschleppt und ermordet.
| ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
| Gologan © 2006. letzte Aenderung: 23 Februar 2007 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||