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"Kartografien der Flucht"
4. Oktober
*
Es war der 4. Oktober. An diesen
Tag erinnere ich mich gut.
Seit Monaten streiften wir über den Platz und fotografierten die Augen der
Leute. Danach versuchten wir zu erraten, was sie gesehen haben. Besonders
interessant waren die fixierten Blicke, die Konzentration der Pupillen. Sie
konnten so unterschiedlich sein: zusammengekniffen, glotzend, erweitert,
vorstehend, blutunterlaufen, verblasst, ruhig, finster... Alles mögliche.
Wir suchten sie überall. Es kam vor, dass wir die halbe Stadt abliefen nach
einem Augenpaar. Es gab Tage, an denen wir nichts fotografieren konnten.
Dann gingen wir nach Hause zurück und schälten Zwiebeln. Jeder eine Knolle.
Bis der Zorn aus unseren Pupillen getropft war. Wenn wir unsere Strafe
erduldet hatten, lachten wir hinterher stundenlang. Und schliefen umarmt ein.
Wir hatten ein Gelöbnis abgelegt, nie das zu fotografieren, was die Leute
wirklich sahen. Unser Vergnügen bestand darin, selbst das Objekt der Blicke
zu entdecken, über den Inhalt des Anlasses zu spekulieren, uns Geschichten
auszudenken und sie manchmal auch zu spielen. Uns fesselten die
Wahrscheinlichkeiten, die Vermutungen, das Schweigen. Wir entwickelten die
Filme sofort, wenn sie voll waren. Wenn Tage vergingen (einmal eine ganze
Woche) ohne dass Der Blick erschien, eskalierte unsere Ungeduld fast... aber
wir hielten stand. Am Anfang gingen wir ins Kino, um das Pulsieren in den
Schläfen zu beruhigen. Aber bald ließen wir es sein: dort waren so viele
Blicke und jedes Mal sahen wir ihr Objekt, und das gerade in dem Augenblick,
wenn wir seinen Inhalt enträtselten. Das nervte uns zusätzlich und wir
verschwanden so schnell wie möglich aus dem Kino und flitzten nach Hause, um
uns eine Zwiebelknolle zu schälen. Später fanden wir eine andere Art und
Weise, eigentlich hat sie uns gefunden. Einmal (genau nach der Woche auf dem
Trockenen) gingen wir fuchsteufelswild nach Hause zurück. Auf dem ganzen Weg
schwiegen wir. Als ich das Schränkchen unter dem Waschbecken öffnete um
Zwiebeln herauszunehmen, sprangst du auf mich drauf und wir haben es auf der
Waschmaschine gemacht. Du hast mich geohrfeigt und gezwungen dich
anzuschauen und hast geraten, wie du aussiehst, und hast mich befragt. Ich
habe nicht geantwortet, dich gequält und du hast gezappelt wie ein
gerissenes Filmband. Manchmal habe ich dich an solchen Tagen befragt, aber
du warst noch grausamer. Nach dieser Woche hängten wir alle Spiegel ab und
stellten sie in den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Ab da vertraute sich
jeder dem anderen an. Wir kämmten uns selbst, richteten uns aber gegenseitig
her. Du bandest mir die Krawatte, ich flocht dir einen Zopf oder fasste
deine Locken ein. Wir lachten oft übereinander, hatten es schön zusammen.
Diese Woche geschah Ende September. Einige Monate schon streiften wir über
die Plätze auf der Suche nach Blicken. Genau da mieden wir die belebten Orte
und verlegten uns auf die kleinen Gassen. Wir entdeckten unwahrscheinliche
Dinge. Ich erinnere mich an eine abgemagerte Frau, die ihre Augen auf den
gegenüberliegenden Bürgersteig gesengt hatte. Als wir sie knipsten, hörten
wir Geräusche, die aus der Richtung ihres Blickes kamen. Das half uns und
offenbarte uns eine neue Art zu enträtseln: nachdem wir den Film entwickelt
hatten, fanden wir, dass sie schaut wie ein herrenloser Hund, der den
Mülleimer durchwühlt. Die Geräusche, die wir beim Knipsen hörten, waren
nicht zu verwechseln, wir hatten sie an so vielen Stellen gehört. Trotzdem
gab es Streit, ob sie wie ein Mensch schaut, wie ein Penner. Diese Version
vertrat ich, gab mich aber bald geschlagen: die Geräusche von einem
suchenden Penner waren weitaus koordinierter.
So lernten wir auch nach Gehör zu raten, das heißt nach unseren Erinnerungen
an die Geräusche. Natürlich entstanden oft heftigere Wortwechsel, weil die
Erinnerungen einerseits verblassten und andererseits künstlich aufquollen.
Zu Streit kam es aber nie. Im Gegenteil, die verschiedenen Meinungen
bereicherten unseren Fang nur.
Einmal geschah es, dass wir einen wirklichen Penner erhaschten. Er guckte
voller Ungeduld und fast ohne Hass. Wir fotografierten ihn an eine
abgewetzte Wand gelehnt: zuerst, wie er mit zusammengekniffenen Augen eine
wahrscheinlich gefundene Kippe ansteckte und danach, als er zufrieden
rauchte, wie er mit gefasster Feindseligkeit auf die andere Seite der Straße
sah. Es waren fantastische Bilder. Mit dem ersten Blick sah er schon das
Objekt des zweiten. Als er die Zigarette ansteckte, wusste er schon, worauf
seine Augen durch den Rauch stoßen werden, wenn er sie hebt. Gut geschulte
Wimpern. Es war unglaublich. Die Bilder hast natürlich du gemacht. Ich
betrachtete den Alten nur, wie er der anderen Straßenseite den Rücken
zukehrte. Die besseren Blicke waren immer deine, die Ecken waren immer
abgemessen, die Bilder präzise geschnitten. Hier gab es nie Streit, der
qualitativ bessere Fotograf warst du, dafür war ich aber besser beim
Enträtseln, zumindest waren meine Argumente überzeugender. Die Wahrheit
blieb immer verborgen, sie interessierte uns aber auch nie. Uns war egal,
was unsere Objekte sehen. Wichtig war, was wir in ihrem Blick sehen. Und
etwas anderes interessierte uns nicht.
Nach der mageren Woche hatten wir zwanzig Tage lang furchtbares Glück. Es
hagelte nur so fixierte Pupillen, heftig und aggressiv. Damals schliefen wir
nicht zusammen, es ging nicht. So erschöpft waren wir nach dem Umherstreifen,
und wenn wir die Filme entwickelten, schafften uns die Diskussionen über das
Objekt der Blicke vollends. An diesen glücklichen Tagen rührten wir einander
nie an. Wir waren übersättigt und todmüde.
Danach passierte etwas: Wir gingen eine kleine Gasse hinter der
Nevski-Kathedrale hinunter, als uns von ihrem unteren Ende eine Frau
entgegenkam. Sie war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, in hellen Tönen
gekleidet und hatte einen Fotoapparat bei sich. Als sie uns bemerkte, blieb
sie abrupt stehen und starrte in unsere Richtung. Ich sah ihre Augen, konnte
aber nicht ausmachen, was sie genau anschaute. Dieser Blick war anders: die
Pupillen schienen etwas zu erkennen. Sie waren voll von Geschichte und
Erregung. Instinktiv hob ich den Apparat und während ich knipste, fühlte ich
mich glücklich ob meines Fundes. In dieser Zeit kam die Frau langsam näher.
Ich hörte nicht auf abzudrücken, weil sich ihr Blick veränderte, ohne
uninteressant zu werden. Stellte schon Vermutungen an über das Objekt, das
sich hinter uns befand oder an den ersten Stockwerken der Häuser. Es fiel
mir nicht ein mich umzudrehen: dieses Verbot war Gesetz. War mir auch total
egal, ob sich das Modell meines Objekts meiner Aufmerksamkeit bewusst war.
Enthusiasmus hatte mich gepackt. Ich hatte nicht bemerkt, dass du nicht mehr
neben mir warst. Als die Frau an mir vorbeiging, ließ ich den Apparat sinken
und schaute dich an. Da ging mir auf, was das Objekt ihres mit so vielen
Erinnerungen gefüllten Blickes war: das warst du. Sie schaute dich an. Ich
erinnere mich nicht genau, was mich erschaudern ließ: dass ich ihr Objekt
sah oder dass sie dich wiedererkannte. Hatte die Regeln verletzt, das
Enträtseln wurde sinnlos. Die geknipsten Bilder hatten keine Bedeutung mehr.
Sie blieb vor dir stehen. Ihr habt euch lange angesehen, ohne ein Wort zu
sagen. Sicher hast du dich in diesem Moment gefragt, was sie sieht. Du
hattest dein Bild ja seit Monaten nicht gesehen. Ob du dich verändert hast,
wie deine Frisur ist. Vielleicht hast du versucht dich zu erinnern, wie du
aussahst, als ihr auseinandergegangen seid.
Es war der 4. Oktober. An diesen Tag erinnere ich mich gut.
Jetzt schaue ich die Fotos an, die ich damals gemacht habe. Ich bedaure,
dass ich die Regeln nicht vollends brach und dich nicht fotografiert habe.
Aber durch ihren Blick kann ich schon etwas erahnen, habe schon eine
Geschichte: deine Erinnerung vor dem Bild.
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