Prosa von Emanuil A. Vidinski


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Aus "Kartografien der Flucht"

4. Oktober *

Es war der 4. Oktober. An diesen Tag erinnere ich mich gut.

Seit Monaten streiften wir über den Platz und fotografierten die Augen der Leute. Danach versuchten wir zu erraten, was sie gesehen haben. Besonders interessant waren die fixierten Blicke, die Konzentration der Pupillen. Sie konnten so unterschiedlich sein: zusammengekniffen, glotzend, erweitert, vorstehend, blutunterlaufen, verblasst, ruhig, finster... Alles mögliche. Wir suchten sie überall. Es kam vor, dass wir die halbe Stadt abliefen nach einem Augenpaar. Es gab Tage, an denen wir nichts fotografieren konnten. Dann gingen wir nach Hause zurück und schälten Zwiebeln. Jeder eine Knolle. Bis der Zorn aus unseren Pupillen getropft war. Wenn wir unsere Strafe erduldet hatten, lachten wir hinterher stundenlang. Und schliefen umarmt ein.

Wir hatten ein Gelöbnis abgelegt, nie das zu fotografieren, was die Leute wirklich sahen. Unser Vergnügen bestand darin, selbst das Objekt der Blicke zu entdecken, über den Inhalt des Anlasses zu spekulieren, uns Geschichten auszudenken und sie manchmal auch zu spielen. Uns fesselten die Wahrscheinlichkeiten, die Vermutungen, das Schweigen. Wir entwickelten die Filme sofort, wenn sie voll waren. Wenn Tage vergingen (einmal eine ganze Woche) ohne dass Der Blick erschien, eskalierte unsere Ungeduld fast... aber wir hielten stand. Am Anfang gingen wir ins Kino, um das Pulsieren in den Schläfen zu beruhigen. Aber bald ließen wir es sein: dort waren so viele Blicke und jedes Mal sahen wir ihr Objekt, und das gerade in dem Augenblick, wenn wir seinen Inhalt enträtselten. Das nervte uns zusätzlich und wir verschwanden so schnell wie möglich aus dem Kino und flitzten nach Hause, um uns eine Zwiebelknolle zu schälen. Später fanden wir eine andere Art und Weise, eigentlich hat sie uns gefunden. Einmal (genau nach der Woche auf dem Trockenen) gingen wir fuchsteufelswild nach Hause zurück. Auf dem ganzen Weg schwiegen wir. Als ich das Schränkchen unter dem Waschbecken öffnete um Zwiebeln herauszunehmen, sprangst du auf mich drauf und wir haben es auf der Waschmaschine gemacht. Du hast mich geohrfeigt und gezwungen dich anzuschauen und hast geraten, wie du aussiehst, und hast mich befragt. Ich habe nicht geantwortet, dich gequält und du hast gezappelt wie ein gerissenes Filmband. Manchmal habe ich dich an solchen Tagen befragt, aber du warst noch grausamer. Nach dieser Woche hängten wir alle Spiegel ab und stellten sie in den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Ab da vertraute sich jeder dem anderen an. Wir kämmten uns selbst, richteten uns aber gegenseitig her. Du bandest mir die Krawatte, ich flocht dir einen Zopf oder fasste deine Locken ein. Wir lachten oft übereinander, hatten es schön zusammen.

Diese Woche geschah Ende September. Einige Monate schon streiften wir über die Plätze auf der Suche nach Blicken. Genau da mieden wir die belebten Orte und verlegten uns auf die kleinen Gassen. Wir entdeckten unwahrscheinliche Dinge. Ich erinnere mich an eine abgemagerte Frau, die ihre Augen auf den gegenüberliegenden Bürgersteig gesengt hatte. Als wir sie knipsten, hörten wir Geräusche, die aus der Richtung ihres Blickes kamen. Das half uns und offenbarte uns eine neue Art zu enträtseln: nachdem wir den Film entwickelt hatten, fanden wir, dass sie schaut wie ein herrenloser Hund, der den Mülleimer durchwühlt. Die Geräusche, die wir beim Knipsen hörten, waren nicht zu verwechseln, wir hatten sie an so vielen Stellen gehört. Trotzdem gab es Streit, ob sie wie ein Mensch schaut, wie ein Penner. Diese Version vertrat ich, gab mich aber bald geschlagen: die Geräusche von einem suchenden Penner waren weitaus koordinierter.

So lernten wir auch nach Gehör zu raten, das heißt nach unseren Erinnerungen an die Geräusche. Natürlich entstanden oft heftigere Wortwechsel, weil die Erinnerungen einerseits verblassten und andererseits künstlich aufquollen. Zu Streit kam es aber nie. Im Gegenteil, die verschiedenen Meinungen bereicherten unseren Fang nur.

Einmal geschah es, dass wir einen wirklichen Penner erhaschten. Er guckte voller Ungeduld und fast ohne Hass. Wir fotografierten ihn an eine abgewetzte Wand gelehnt: zuerst, wie er mit zusammengekniffenen Augen eine wahrscheinlich gefundene Kippe ansteckte und danach, als er zufrieden rauchte, wie er mit gefasster Feindseligkeit auf die andere Seite der Straße sah. Es waren fantastische Bilder. Mit dem ersten Blick sah er schon das Objekt des zweiten. Als er die Zigarette ansteckte, wusste er schon, worauf seine Augen durch den Rauch stoßen werden, wenn er sie hebt. Gut geschulte Wimpern. Es war unglaublich. Die Bilder hast natürlich du gemacht. Ich betrachtete den Alten nur, wie er der anderen Straßenseite den Rücken zukehrte. Die besseren Blicke waren immer deine, die Ecken waren immer abgemessen, die Bilder präzise geschnitten. Hier gab es nie Streit, der qualitativ bessere Fotograf warst du, dafür war ich aber besser beim Enträtseln, zumindest waren meine Argumente überzeugender. Die Wahrheit blieb immer verborgen, sie interessierte uns aber auch nie. Uns war egal, was unsere Objekte sehen. Wichtig war, was wir in ihrem Blick sehen. Und etwas anderes interessierte uns nicht.
Nach der mageren Woche hatten wir zwanzig Tage lang furchtbares Glück. Es hagelte nur so fixierte Pupillen, heftig und aggressiv. Damals schliefen wir nicht zusammen, es ging nicht. So erschöpft waren wir nach dem Umherstreifen, und wenn wir die Filme entwickelten, schafften uns die Diskussionen über das Objekt der Blicke vollends. An diesen glücklichen Tagen rührten wir einander nie an. Wir waren übersättigt und todmüde.

Danach passierte etwas: Wir gingen eine kleine Gasse hinter der Nevski-Kathedrale hinunter, als uns von ihrem unteren Ende eine Frau entgegenkam. Sie war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, in hellen Tönen gekleidet und hatte einen Fotoapparat bei sich. Als sie uns bemerkte, blieb sie abrupt stehen und starrte in unsere Richtung. Ich sah ihre Augen, konnte aber nicht ausmachen, was sie genau anschaute. Dieser Blick war anders: die Pupillen schienen etwas zu erkennen. Sie waren voll von Geschichte und Erregung. Instinktiv hob ich den Apparat und während ich knipste, fühlte ich mich glücklich ob meines Fundes. In dieser Zeit kam die Frau langsam näher. Ich hörte nicht auf abzudrücken, weil sich ihr Blick veränderte, ohne uninteressant zu werden. Stellte schon Vermutungen an über das Objekt, das sich hinter uns befand oder an den ersten Stockwerken der Häuser. Es fiel mir nicht ein mich umzudrehen: dieses Verbot war Gesetz. War mir auch total egal, ob sich das Modell meines Objekts meiner Aufmerksamkeit bewusst war. Enthusiasmus hatte mich gepackt. Ich hatte nicht bemerkt, dass du nicht mehr neben mir warst. Als die Frau an mir vorbeiging, ließ ich den Apparat sinken und schaute dich an. Da ging mir auf, was das Objekt ihres mit so vielen Erinnerungen gefüllten Blickes war: das warst du. Sie schaute dich an. Ich erinnere mich nicht genau, was mich erschaudern ließ: dass ich ihr Objekt sah oder dass sie dich wiedererkannte. Hatte die Regeln verletzt, das Enträtseln wurde sinnlos. Die geknipsten Bilder hatten keine Bedeutung mehr.

Sie blieb vor dir stehen. Ihr habt euch lange angesehen, ohne ein Wort zu sagen. Sicher hast du dich in diesem Moment gefragt, was sie sieht. Du hattest dein Bild ja seit Monaten nicht gesehen. Ob du dich verändert hast, wie deine Frisur ist. Vielleicht hast du versucht dich zu erinnern, wie du aussahst, als ihr auseinandergegangen seid.

Es war der 4. Oktober. An diesen Tag erinnere ich mich gut.

Jetzt schaue ich die Fotos an, die ich damals gemacht habe. Ich bedaure, dass ich die Regeln nicht vollends brach und dich nicht fotografiert habe. Aber durch ihren Blick kann ich schon etwas erahnen, habe schon eine Geschichte: deine Erinnerung vor dem Bild.

 

* Ausgezeichnet mit einem Preis im Wettbewerb „Raschko Sugarev“ (2004).
  Aus dem Bulgarischen von Gabi Tiemann.


 

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